Innere Anteile-Selbstführung

Selbstführung gelingt erst, wenn wir unsere Persönlichkeits-Anteile verstehen

Ich bin mehr. Du auch. Wir und unsere Persönlichkeitsanteile.

Was sind die Persönlichkeitsanteile?

„Eine Stimme sagt mir „Belohn dich doch mit noch einem Stück Kuchen. Man lebt ja nur ein Mal, und das hast du dir verdient.“ Eine andere ermahnt mich mit erhobenem Zeigefinger und kritischem Blick: „Du musst auf dein Gewicht aufpassen. So viel Zucker und Fett sind schlecht. Du hast überhaupt keine Selbstkontrolle. Du widerst mich an.“

„Ich weiß nicht was ich tun soll. Auf der einen Seite will ich den Job kündigen, auf der anderen hält mich etwas hier fest.“

„Ich will dem Kollegen die Stirn bieten, und ihm klar sagen, dass er nicht so mit mir umgehen kann. Ich wiederhole das Szenario dauernd im Kopf. Aber wenn es soweit ist, und er wieder so arrogant und abwertend mit mir spricht, dann bin ich wie gelähmt, und sage doch nichts. Später ärgere ich mich wieder über mich, und werte mich selber ab, was für ein Schlappschwanz ich bin.“

Kennst du das auch?

Innere Stimmen oder Seiten in dir, die so unterschiedlich sind, als kämen sie von verschiedenen Personen.

Manche dieser Seiten kennst du wahrscheinlich gut, weil sie sich immer wieder da sind. Die sind dir so vertraut, dass du über sie sagst: „So bin ich.“

Wahrscheinlich gibt es auch Seiten, die sich plötzlich und überraschend zeigen. Es sind Seiten, die du vielleicht gar nicht kennst oder denen du schon lange nicht begegnet bist.

Diese Seiten fühlen sich so fremd an. Dann sagst du: „Ich war nicht ich selbst.“

Wir sind nicht nur ICH, im üblichen Sinne. Wie sind nicht schwarz oder weiß.

Wir haben unterschiedliche, auch widersprüchliche Aspekte, viele Ichs bzw. viele Ich-Anteile.

Um es mit Farben aus zu drücken: wir sind eine ganze Palette von Grautönen, von Weiß bis Schwarz.

Die innere Bühne

Was passiert auf einer Bühne?

Es gibt eine Handlung. Mal kommt ein Schauspieler auf die Bühne mal ein anderer. Mal sind mehrere da, und interagieren miteinander. Dann geht wieder einer, und es kommt ein anderer…

Wir haben eine innere Bühne.

Und es geht so ähnlich ab, wie im Theater.

Je nach Situation ist mal ein innerer Anteil da, mal ein anderer.

Mal geht es ganz zivilisiert zu, und mal erkennen wir uns selbst nicht. Plötzlich springt ein Teil auf unsere innere Bühne auf, der gesellschaftlich nicht besonders gern gesehen ist oder den wir ablehnen.

Mal kämpfen Teile gegeneinander, weil sie konträre Dinge anstreben.

Und mal verbünden sie sich, feuern sich gegenseitig an und ziehen in die gleiche Richtung.

Wir haben ein großes Team innerer Anteile, die sehr unterschiedlich sind. Das darf nicht mit einer Persönlichkeitsstörung verwechselt werden!

Viele von uns kennen einen Perfektionisten, einen Helfer, ein faules inneres Schwein oder aber auch einen unkontrollierbarer Süßigkeiten Verschlinger, um hier nur ein paar zu nennen.

In den verschiedenen Situationen zeigen wir uns in einem anderen Licht. Wir erfüllen unterschiedliche Rollen im Leben. Jede Rolle erfordert das entsprechende Verhalten und Denken, damit wir der Rolle gerecht werden können.

Meine Klientin Frau M.

Tagsüber ist sie Anwältin. In der Kanzlei scheint Frau M. eine ganz andere Person zu sein, als die Mama, die am Nachmittag mit ihrem fünf jährigen Sohn schmust. Und wenn Frau M. am Wochenende zu ihrer alten und kranken Mutter fährt, erinnert sie sich gerne an die alte Zeit als sie noch zu Hause lebte und im Garten spielte. Sie umarmt die Mutter, und fühlt sich wie das kleine Mädchen von damals.

Mein Klient Herr F.

Herr F. ist hoch qualifiziert, arbeitet sehr professionell und ist ein ambitionierter Projektmanager. Seit ein paar Monaten hat er einen neuen Kollegen. Dieser Kollege provoziert ihn mit seiner schroffen Art dermaßen, dass sich Herr F. selbst nicht mehr erkennt.

Er fühlt sich dann wie ein kleiner Schuljunge. Er muss seine ganze Aufmerksamkeit und Energie zusammenpacken, um die Arbeit erledigen zu können. Er ist innerlich ganz aufgewühlt und nimmt nur das innere Chaos wahr. Er kapiert überhaupt nicht, was mit ihm los ist.

Am liebsten würde er nach Hause gehen, sich im Bett verstecken, und die Decke über dem Kopf ziehen.

Es dauert eine Weile bis er wieder zu sich kommt.

Drei Arten innerer Anteile

Ich arbeite gerne mit dem Modell von Richard Schwarz: Das innere Familiensystem (IFS). Das Modell ist sehr praxisorientiert, und gibt mir persönlich, aber auch meinen KlientInnen eine Klarheit und Leichtigkeit bei der Arbeit, die unbezahlbar sind.

Schwarz hat drei Typen innerer Anteile herausgearbeitet: Manager, Feuerbekämpfer und Verbannte.

Die Manager

Manageranteile kannst du dir wie echte Manager vorstellen.

Sie sorgen dafür, dass du deinen Alltag gut erledigst, indem du rechtzeitig aufstehst, in die Arbeit gehst oder deinen sonstigen Pflichten erfüllst.

Das sind die Anteile, die langfristig dein Überleben sichern. Sie kontrollieren, antreiben, planen und handeln vorausschauend.

Die höchste Priorität der Manager ist dich vor Verletzungen zu beschützen und sie sichern dein Überleben. Sie sind im Verlauf deiner Biografie entstanden, und haben dafür gesorgt, dass du eine Strategie entwickelst, um gut durchs Leben zu kommen, auf deiner ganz einzigartigen Art und Weise.

Welche inneren Manager hast du?

Welche Seiten von dir kennst du, die dafür sorgen, dass du deinen Alltag gut hinkriegst?

Vielleicht hast du einen Antreiben, einen Perfektionist, einen Fleißigen, Einen Helfer, einen Rebellen, einen Unabhängigen, einen Beschwichtiger, einen Freiheitsliebenden? Welche noch?

Die Feuerbekämpfer

Die Feuerbekämpfer sind Teile, die ganz spontan und impulsiv sind.

Sie wollen dich, genauso wie die Manager, vor Schmerz und Verletzung beschützen.

Wenn sie ein verletzendes Gefühl wahrnehmen springen sie ein, werden stark aktiv, damit du den Schmerz nicht wahrnimmst. Sie sind so schnell, dass man sie gar nicht in den Griff bekommt.

Die Eeuerbekämpfer löschen das Feuer des Schmerzes mit einer Wucht, die oft gar nicht angemessen ist. Der Schaden danach ist größer als der Schaden, den das Feuer verursacht hätte.

Beispiele dafür sind schnell eine Zigarette rauchen, sich eine Tafel Schokolade reinstopfen, exzessiver Sport, Alkohol trinken etc.

Es sind Handlungen, die zu einer Betäubung führen. Sei es Stoff oder nicht stofflich gebunden: Alkohol, Drogen, essen, einkaufen, Sex, Sport etc.

Alles kann such zu einem Feuerbekämpfer entwickeln. Das sind die unüberlegten und automatischen Handlungen, um mit negativen Emotionen fertig zu werden.

Um heraus zu finden, welche Feuerbekämpfer du hast, musst du dich beobachten:

  • Was tust du manchmal ganz automatisch, wie ferngesteuert? Warum tust du das? Wofür sind diese automatischen Handlungen gut? 
  • Wenn du in eine unangenehme Situation kommst oder von negativen Gefühlen überschwemmt wirst, wie gehst du dann damit um? Was tust du, um besser damit klar zu kommen?

Schreibe die Ergebnisse auf.

Finde Namen für deine Feuerbekämpfer.

Die Verbannten oder die verletzlichen Teile

Die Verbannten sind innere Teile, die meistens sehr früh in unserem Leben entstanden sind. Es können welche aber in jedem Lebensalter entstehen.

Diese Teile tragen alte Lasten, seelische Schmerzen und Traumata. Sie werden Verbannte genannt, weil sie meist ins Unbewusste verdrängt wurden.

Das Verdrängen ist der Verdienst unserer Manager und Feuerlöscher.

Das ist ein echter Verdienst, weil sie uns damit vor dem Schmerz schützen wollen. Insbesondere als wir klein und hilflos waren.

Diese Teile können auch verspielt, kindlich und kreativ sein. Verdrängt werden sie, wenn die Manager denken, dass wir uns auf andere (wichtige) Dinge konzentrieren müssen, um „weiter zu kommen“.

Hier möchte ich dir ein Beispiel für einen Verbannten geben.

Frau S. war stets hilfsbereit. Über ihre Grenzen hinaus.

Eigene Bedürfnisse stellte sie immer hinten an. Eigentlich hatte sie keine Ahnung mehr, welche Bedürfnisse sie hat.

Sie liebte ihren Beruf, und wenn man sie brauchte, half sie gerne. Sie war die Perle im Team.

Bis ein neuer Kollege eingestellt wurde.

Der neue Kollege war ganz anders als Frau S. Er kam ihr eher oberflächlich vor und nicht besonders engagiert. Er holte sich dauernd Feedback und Unterstützung, insbesondere von Frau S.

Nach kurzer Zeit merkte meine Klientin, dass sie extrem gereizt auf ihn reagierte, seine Mails lange nicht beantwortete und wenn er sie um Feedback o.ä. bat, spürte sie eine aufsteigende innere Wut.

Sie benahm sich „komisch“, war verspannt und erschöpft.

Sie konnte sich selbst nicht mehr erkennen.

Diese Reaktion belastet sie sehr, und sie kam zu mir.

Wir erarbeiteten heraus, dass es ihr Bedürftiger Anteil dieses ganze Chaos, wie sie das nannte, verursachte. Es war der Teil, den sie schon längst verbannt hatte: sie sollte die eigenen Bedürfnisse nicht spüren, da der Helfer dauernd aktiv war. Dieser Helferteil sorgte für Anerkennung, Lob und Sicherheit im Job. Sie hatte gelernt, dass sie nur dann Wertschätzung bekommt, wenn sie gebraucht wird und hilft. Dafür durfte sie aber keine eigenen Bedürfnisse spüren, weil sie hinderlich geworden wären.

Der verbannte Teil, der Bedürftige, wurde durch den Kollegen angetriggert bzw. auf die innere Bühne geholt. Der Kollege zeigte Frau S., dass es im Leben auch anders geht: man muss nicht alles allein machen und kann Hilfe holen, wenn man sie braucht. Das Leben des Kollegen schien viel leichter und fröhlicher.

Was Frau S. noch mehr auf die Palme brachte, war zu sehen, dass der Kollege sehr beliebt war. Seine Art störte niemanden und das Team schätzte ihn sogar sehr!

Der Bedürftige Teil, den Frau S. verbannt hatte, wurde geweckt und er begann sich zu melden. Und schaffte dadurch erst mal Probleme.

Verbannte Teile wirken im Untergrund. Sie sind immer da, auch wenn sie verbannt und isoliert werden.

Je weniger wir sie bewusst wahrnehmen, umso mehr „unverständliche“ Probleme verursachen sie.

Kennst du deine Verbannte und verletzliche Teile?

Wenn deine Feuerbekämpfer einspringen, vor welchen Gefühlen wollen sie dich beschützen?

Oder anders rum gefragt: welche Gefühle versuchst du zu bewältigen und nicht zu spüren, wenn du deine Feuerbekämpfer-Handlungen durch führst?

Selbstführung. Wie kann sie gelingen?

Selbstführung heißt für mich nicht, dass ich mich ständig im Griff habe oder dass ich kontrolliert wie eine Machine durch das Leben gehe, ohne Emotionen oder ohne Hochs und Tiefs.

Selbstführung für mich heißt im ersten SchrittMICH auf einer tiefen Ebene zu verstehen:

  • Warum fühle ich so, wie ich fühle?
  • Warum denke ich so, wie ich denke?
  • Warum handle ich so, wie handle?

Ganz konkret heißt es, die eigenen Manager und Feuerbekämpfer zu entdecken, sie sie zu verstehen und ihnen die Wertschätzung entgegen zu bringen, die sie verdienen. Das kann manchmal ausreichend sein.

Manchmal wird es erforderlich sein, die Verbannte aus der Isolation zu holen, um den Schmerz und die Verletzungen, die sie tragen, zu heilen.

Das sind notwendige Schritte, um Automatismen zu beenden.

Wenn ich nicht mehr automatisch reagiere, habe ich die Wahl SELBST zu entscheiden: Was, Wie, Wohin, Wann, Mit wem und Warum ich etwas tue.

FAZIT:

Unser Ich hat verschiedene Anteile.

Jeder Anteil ist wie eine Persönlichkeit mit eigenen Gefühlen, Gedanken und Verhalten.

Alle unsere Anteile haben eine gute Absicht für uns, und wollen uns beschützen.

 

Vieles, auch wenn wir es verdrängt haben, wirkt trotzdem dauernd und unbewusst.

Beschäftigen dich solche oder ähnliche Fragen:

  • Wie kann ich mein inneres Chaos in den Griff bekommen?
  • Wie kann ich meine Reaktionen besser verstehen und kontrollieren?
  • Wie kann ich mein Leben SELBST steuern?

Dann wird es Zeit, dass du deine inneren Anteilen entdeckst und dich intensiv miteinander beschäftigst.

Damit du aus dem SELBST heraus handeln kannst.

Und in die SELBST-Führung gehst.

 

Was das SELBST ist, und wie du diesen Zustand erreichen kannst, liest du in diesem Artikel.

 

Literatur:

Inneres Familien System

Persönlichkeitsanteile

Inneres Team

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